Eva Buckman

Eva Buckman
Eva Buckman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mama Afrika vom Neckar

 

 

 

In Heidelberg gibt es drei Chöre, die sich afrikanischer Chormusik verschrieben haben – und seit zwölf Jahren eine enge Beziehung zu Ensembles aus Heidelberg in der südafrikanischen Provinz Gauteng pflegen.

 

 

 

Von Friedegard Hürter

 

 

 

Für Eva Buckman scheint der Tag mehr Stunden zu haben als für viele andere. Um die unterschiedlichen musikalischen Welten, in denen sie zu Hause ist, unter einen Hut zu bringen, sind ausgeprägte organisatorische Fähigkeiten erforderlich. Seit 1980 unterrichtet die engagierte Musikerin an der städtischen Musik- und Singschule Heidelberg die Fächer Querflöte und Perkussion, sie ist Fachbereichsleiterin für Bläser und Schlagzeug – und leitet darüber hinaus mehrere Chöre, die sich afrikanischer Musik verschrieben haben.

 

 

Nach ihrem Musikstudium sah zunächst alles nach einem „klassischen“ Werdegang aus. Doch nach einigen Jahren reichte es der vielseitig interessierten jungen Frau nicht mehr, ausschließlich zu unterrichten, und ein alter Jugendtraum wurde wieder lebendig. „Ich wollte eigentlich Schlagzeug lernen, durfte es aber nicht. Vor 50 Jahren war das für meine Eltern ein Unding.“ Als sie im Rahmen einer Fortbildung in der Akademie Remscheid schließlich zum ersten Mal an einer Trommel saß, war das die Initialzündung. Viele Trommelkurse und ein Studium afrikanischer Perkussion an der Universität Legon in Ghana folgten, um den Hintergrund der Musik besser erfassen zu können. Als Buckman Mitte der 1980er-Jahre in Heidelberg Trommelklassen aufzubauen begann, war die dortige Musikschule die erste in Deutschland, die das Fach afrikanische Perkussion anbot. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Melodie doch wieder fehlte, und als ich vor 15 Jahren mit meinen Trommelkindern ein Musikschulkonzert machen wollte, habe ich die Eltern gefragt, ob sie Lust hätten, ein paar Lieder zu singen.“ Aus dem Versuchschor bereitwilliger Eltern entstand der erste Afrikachor– dem weitere folgen sollten.

 

 

Als Triebfeder erwies sich eine Chorreise ins unbekannte südafrikanische Heidelberg, rund 50 Kilometer südöstlich von Johannesburg gelegen. Nicht nur die Energie der schwarzen Chöre, die Intensität, mit der sie singen und beten, beindruckte die Gäste nachhaltig. „Ich hatte auch das große, große Glück, auf Thabang Mokoena zu stoßen, der damals erst 20 Jahre alt, aber schon ein erfahrener Chorleiter war“, erzählt Eva Buckman. „Er sagte: ‚Es ist toll, was ihr macht, und ich hätte gern mit euch gearbeitet, aber bewegen könnt ihr euch nicht wirklich. Ich glaube, ihr braucht Hilfe.’“. So begann eine Partnerschaft, die sich immer weiter intensivierte und heute, zwölf Jahre später, fest etabliert ist.

 

 

Ihre Früchte sind sichtbar und hörbar: Die Zahl der Afrikachöre ist mittlerweile auf drei wöchentlich probende sowie drei Projektchöre angewachsen. Da alle Chornamen mit „Moko“ beginnen, einem Wort aus der ghanaischen Sprache Ga, das frei übersetzt „Freund“ bedeutet, ist es für Außenstehende nicht leicht, sie auseinanderzuhalten. Zwischen den sogenannten Moko-Chören und dem jungen südafrikanischen Lesedi Show Choir von Thabang Mokoena hat sich ein reger Austausch mit Workshops und Konzerten hier wie dort entwickelt, und auch persönliche Kontakte sind gewachsen. Gemeinsame Erfahrungen wie etwa der Auftritt beider Chöre bei einem Chorwettbewerb in Lesotho 2017 verbinden, und auch Reisen hinterlassen nachhaltige Eindrücke. Birgit Albrecht, die seit 13 Jahren mitsingt, erinnert sich noch lebhaft an eine Busreise in Südafrika. Bei einer Pause bildete sich vor den Toiletten sofort eine lange Schlange, und wie üblich überbrückten die Chormitglieder die Wartezeit mit afrikanischen Liedern – was die Umstehenden so verblüffte, dass sie sofort zu ihren Smartphones griffen und die ungewöhnliche Szene filmten.

 

 

Von dem musikalischen Brückenschlag profitieren beide Seite: Die SängerInnen und TänzerInnen aus Ratanda, dem zu Heidelberg gehörenden Township, bringen ein authentisches Stück Afrika in die Neckarstadt. Im Gegenzug unterstützen und fördern die Moko-Chöre talentierte afrikanische MusikerInnen. So war es ihrem Moko e. V. zur Förderung der Musik, Kunst und Kultur Afrikas ein Anliegen, dem Lesedi Show Choir die Teilnahme an den 10. World Choir Games in ihrer Heimat zu ermöglichen. Aus eigenen Kräften hätte die Gruppe die hohen Teilnahmegebühren nicht aufbringen können.

 

 

Für Eva Buckman ist ein faires Geben und Nehmen die Grundlage einer befruchtenden Zusammenarbeit. Dass dies nicht immer gelingt, weiß die weitgereiste Afrikakennerin aus Erfahrung. Transparenz, auch in finanzieller Hinsicht, ist ihr deshalb äußerst wichtig. Thabang Mokoena, der seine deutsche Partnerin anerkennend und respektvoll „Mama Africa“ nennt, ist seit kurzem beim Moko e. V. angestellt und darf in Deutschland arbeiten.

 

 

Alle zwei bis drei Monate kommt der vor Ideen sprühende junge Musiker für mehrere Wochen vom südafrikanischen ins deutsche Heidelberg. Im Reisegepäck hat er Gospels, Liebes-, Alltags- und viele Begrüßunglieder, mit denen man immer und überall beginnt. Vor allen Beteiligten liegt nun eine intensive Arbeitsphase. „Thabang ist ein strenger Lehrer, der viel verlangt und uns fordert“, erzählt Birgit Albrecht. „Aber er versprüht eine unglaubliche Energie, und wenn er mit leuchtenden Augen vor uns steht, kitzelt er im Rahmen unserer Möglichkeiten alles aus uns heraus.“ Erst im Frühjahr haben 90 SängerInnen an einem viertägigen Workshop in einer Jugendherberge im Schwarzwald teilgenommen. Obwohl Eva Buckman das Zepter aus der Hand gibt, wenn ihr junger Kollege kommt, fordern auch ihr die regelmäßigen Probenphasen großen Einsatz und höchste Konzentration ab. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass die Lieder nicht notiert sind und sich eigentlich während des Unterrichts entwickeln. So versucht die erfahrene Musikerin, nachträglich möglichst viel in Noten aufzuschreiben, um es später mit ihren Chören üben zu können. „Manchmal rufe ich Thabang ganz verzweifelt an und bitte ihn, mir eine Stimme vorzusingen, meist den Bass.“

 

 

Auch die Chormitglieder stehen vor beachtlichenHerausforderungen. Simone Knapp, seit zehn Jahren bei Mokolé aktiv, dem sogenannten Dienstagschor, ist eine geübte Blattsängerin. Die Melodien fallen ihr nicht schwer, auch wenn sie nicht notiert sind. Doch auch die Texte müssen bewältigt werden, und zwar auswendig in einer der zehn Originalsprachen, die zum Repertoire gehören: vom westafrikanischen Ga, Fanti oder Ewe über das ostafrikanische Kiswahili bis hin zu südafrikanischen Sprachen wie Zulu. „Schwierig ist, dass uns die Sprachen völlig unbekannt sind und wir nichts herleiten können“. Als größte Herausforderung empfindet die Mitarbeiterin der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika jedoch die extrem komplexe Rhythmik. „Uns fehlt das Selbstverständnis, damit umzugehen. Wir brauchen immer eine ‚Eins’, während die Afrikaner einfach irgendwo anfangen können“, ist ihre Erfahrung. „Alle Lieder sind komplett choreographiert, und ohne Bewegungen kann man sie auch nicht singen. Bei uns reicht es also nicht, ‚nur’ gut singen zu können.“ Andererseits, so ist die Erfahrung ihrer Kollegin und Mitsängerin Birgit Albrecht, können die Bewegungen auch helfen, sich die Texte zu merken, selbst wenn die Arme etwas anderes tun als die Beine.

 

 

Damit die Bewegungsabläufe fließender aussehen, vermittelt Eva Buckman ihren Chormitgliedern einige kleine Tricks, die sie im Laufe der Zeit herausgefunden hat. „Darauf muss man selber kommen, denn für Afrikaner ist es so selbstverständlich, dass niemand darüber spricht. Wenn man zum Beispiel – wie viele Gospelchörler – vier Schritte von rechts nach links geht, macht man einen Doppelhupf, wie man im Schwäbischen sagt, so dass man von einem Schritt zum nächsten immer zwei Pulse hat.“ Oder sie trainiert, mit den Bewegungen nicht exakt auf dem Schlag zu beginnen, sondern ein Triolenachtel früher. Dies sei zwar nur eine Kleinigkeit, die aber hinterher den Drive ausmache. An solchen Feinheiten arbeitet die rhythmisch versierte Chorleiterin immer wieder.

 

 

So mühsam es wirken mag, in eine fremde Musikkultur einzutauchen, so viel positives Gegengewicht scheint es zu geben. „Unser Chor ist etwas Besonderes“, versichern die beiden Vorstandmitglieder Simone Knapp und Birgit Albrecht übereinstimmend. Dass er Menschen mit unterschiedlicher Motivation Zugang bietet, mache den besonderen Reiz aus. Manche finden den Weg über das Singen, andere über den Tanz oder das Interesse an Afrika. Was sie eint, ist ihr Engagement für unseren Nachbarkontinent. „Wir verstehen uns auch als Botschafter für ein anderes Afrikabild und verbinden unsere Auftritte oft mit Inhalten, zum Beispiel dem 100. Geburtstag Nelson Mandelas am 18. Juli“, sagt Knapp. In diesen Kontext passen auch die beiden Geschichtenkonzerte, die Ende September auf dem Programm stehen – selbstredend unterstützt von Thabang Mokoena und drei weiteren jungen Trommlern und Tänzern. Die musikalische Reise führt über Ghana, Kongo und Kenia bis nach Namibia und Südafrika. „Wir werden es so inszenieren, dass sich zwischen den Blöcken zwei ältere Männer, von denen einer mein ghanaischer Ehemann ist, auf der Bühne bei einem Bier unterhalten und die verschiedenen Länder vorstellen“, so Eva Buckman.  

 

 

Zwischendurch reizt es die kreative Musikerin, auch einmal etwas anderes auszuprobieren. Waren es bisher Peter Schindlers „Missa in Jazz“, die Karibische Messe von Glenn McClure oder das weltbekannte südafrikanische Musical „Sarafina“ von Mbongeni Ngema, so denkt sie derzeit an Wochenendworkshops oder Projekte in Schulen, um mehr junge Leute zu gewinnen und ein Netzwerk für Thabang aufzubauen, dessen Arbeit in Südafrika nicht entlohnt wird. Chören, die sich für afrikanische Chormusik interessieren, bietet das Dirigenten-Duo ebenfalls Workshops an. Für das kommende Jahr plant die Heidelbergerin bereits ein gemeinsames Projekt mit dem preisgekrönten Streicherensemble Junge Kammerphilharmonie Rhein-Neckar, deren Leiter Thomas Kalb sie bereits mit ihrer Afrikabegeisterung angesteckt hat. Dass auch der südafrikanische Partnerchor mit von der Partie sein wird, versteht sich von selbst. Eine ungewöhnliche musikalische Begegnung, auf die sich Eva Buckman schon freut. „Mit Leuten zu arbeiten, die offen sind und Dinge einfach ausprobieren, das ist fantastisch!“

 

 

 

Die Autorin ist Musikwissenschaftlerin, begeisterte Chorsängerin und tätig als Musik- und Kulturjournalistin.

 

Erschienen im Juli 2018 in CHORZEIT DAS VOKALMAGAZIN